Wie Du Deine Kreativität in 8+20 Minuten weckst

“Wie kannst Du eigentlich durchweg kreativ sein und immer wieder neue Ideen für Deine Texte finden?”

Das werde ich gar nicht mal so selten gefragt. Und ehrlich gesagt hatte ich bis vor Kurzem auch keine wirklich passende Antwort darauf. Ich habe keine Morgenroutine abseits der gewöhnlichen Dusche und des Frühstücks. Oft kann ich einfach so drauf los schreiben und es kommt etwas Brauchbares raus. Falls nicht, dann investiere ich eben die Zeit und feile daran herum. Aber vor Kurzem habe ich einen Workshop für emotionale Werbetexte von Christiane Sohn besucht und da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen.

Genau dieses “einfach drauf los schreiben” ist es eigentlich, was meine Kreativität auch ganz ohne Morgenkaffee weckt sowie wach hält.

Nur mit dem Unterschied, dass ich es bisher immer direkt im Projekt gemacht habe und nicht davon abgetrennt. Was eigentlich nicht besonders schlau ist. Denn im Kundenprojekt hört man doch recht oft mit dem Tippen auf, um zu überlegen, ob es nicht noch eine schönere Formulierung gibt. So stört man den Schreibfluss. Aber was gibt es denn sonst zu schreiben? Christiane hatte da eine einfache wie auch geniale Technik parat.

“Suche Dir irgendein Bild, stelle Deinen Timer auf fünf Minuten und schreibe ohne zu überlegen das herunter, was Dir in den Sinn kommt.”

Gut, ich habe daraus mittlerweile acht Minuten gemacht – aber unabhängig davon kann ich sagen, dass diese Übung wirklich gut ist, um die Gedankenachterbahn so richtig in Schwung zu bringen. Und es kommen sogar einigermaßen brauchbare Texte dabei heraus. Ich habe mich seither jeden Morgen an dieser Methode probiert. Und weil sie mir so gut gefällt, präsentiere ich hiermit ein kleines Beispiel.

Wenn auch Du mal auf Kommando kreativ sein musst, helfen die Methode und das Beispiel vielleicht auch Dir. Denn für Kreativität muss man aus meiner Sicht nicht geboren sein. Ich denke, dass in jedem von uns etwas Kreatives steckt. Genau wie in jedem von uns ein innerer Schweinehund steckt, der einem einreden möchte, dass man weder kreativ ist noch schreiben kann 🙂

Mein heutiges Bild ist oben zu sehen. Es stammt aus dem Facebook-Profil von Karl Kratz. Dankeschön an Dich, Karl, dass ich es hier weiterverwenden darf.

Anhand des Bildes ist innerhalb von acht Minuten folgender Text entstanden:

Noch steckt das Tal im Mantel der Nacht. Majestätische Berge ragen gen Himmel und eigentlich heben sie sich farblich kaum von ihm ab. Dort unten in den kleinen Ortschaften und auf den Wiesen und Feldern schläft noch fast alles. Nur ein paar Tiere sind im Schutze der Nacht unterwegs, um vielleicht etwas Beute zu machen. Dann auf einmal strahlt hinter einem der Berge etwas hervor. Die Nacht legt sich schlafen, die Sonne steht auf. Kannst Du es hören, das erste Vogelzwitschern des Tages, das wie Musik in den Ohren erklingt? Kannst Du es sehen, auch von da oben, wie die Natur langsam aufgeweckt wird? Der Raureif auf den Blättern und Blüten, die morgendliche, ungestörte Fische? 

Das goldene Licht der Sonne fällt mitten hinein ins Tal. Langsam kommt das Grün hervor. Die ersten Lichter gehen an. Du stellst Dir jemanden vor, der mit einem Weidenkorb durch die engen Gassen eines Dorfes geht, zum Markt mit den vielen Ständen, die gerade aufgebaut werden. Eine urige Atmosphäre macht sich im Herzen breit. Die Sonne steigt immer höher und man hat ein wunderbar warmes Gefühl im Körper. Das Leben, das sie spendet. Die Geborgen, die sie uns schenkt. Langsam kommt sie hinter dem rechten Berg hervor. Dort ist der Osten. Sie löst den Mond ab, der auf der anderen Seite ist. 

(Timer klingelt)

Dann habe ich mir einfach weitere 20 Minuten eingestellt und den Text modifiziert. Dabei kam das hier heraus:

Noch steckt der Großteil des wunderschönen Tals in einem tiefen Prinzessinnenschlaf. Umgeben von seinen majestätischen Bergformationen, die in den noch dunklen, sternenreichen Nachthimmel ragen und sich farblich kaum von ihm abheben. Der Morgen kommt. In den kleinen Ortschaften entflammen nur einzelne Lichter, auf den saftigen Wiesen und Feldern drumherum suchen die einen Tiere ihren Unterschlupf auf, die anderen verlassen ihn. Eichhörnchen klettern umher, eine Rehfamilie springt über das saftige Gras, am See mit seinem erstaunlich klaren Bergquellwasser quaken ein paar Frösche um die Wette und ein paar Hasen sitzen in den Büschen.  

Hörst Du es? Das erste zarte Vogelzwitschern schallt aus den Bäumen und die aufgehende Sonne taucht den Horizont in ein sattes Morgenrot. Bis die ersten Strahlen zwischen den Bergen hindurch in das Tal fallen. Direkt auf das schöne Raureif auf den Blüten und Blättern, vielleicht auch auf den Dächern, das sich über Nacht dort gebildet hat. Das ist der Moment, auf den du gewartet hast. Du kannst es förmlich spüren, wie die Natur und die Menschen aus ihrem Schlaf erwachen. Wie die morgendliche Frische das Herz und die Seele erquickt.

Es scheint, als würdest Du aus einem der Dörfer in der Ferne schon jemanden hören, der auf dem Marktplatz mit seinen urigen Ständen seine Waren anpreist. Für die ersten Menschen, die ihr Haus schon verlassen haben. Während die Sonne immer höher steigt, bald über einen der Berge hinwegschaut und Dir dort oben auf dem steilen Hang ein wunderbar warmes und geborgenes Gefühl schenkt. Du spürst, wie spätestens jetzt jede Zelle Deines Körpers aktiviert wird und kannst Dein Glück kaum fassen. Das ist das Leben in seiner reinsten und schönsten Form. Und Du bist einer von nur wenigen, die diesen schönen Moment erleben dürfen.  

(Stand nach 28 Minuten)

Und was bringt einem dieser Text nun?

Klar, da ist nun dieser komische bildhaft geschriebene Text und eigentlich kannst Du damit nichts mehr anfangen. Du schmeißt ihn wahrscheinlich weg oder bewahrst ihn irgendwo auf und schmeißt ihn später weg. Aber es geht auch nicht darum, einen Text zu haben, der sich verwerten lässt. Sondern es geht darum, das Gehirn und das Schreiben in einen Fluss zu bringen.

Ich fand das Motiv aus dem Til Schweiger-Film “Honig im Kopf” sehr schön, wo man Alzheimer als einen Pott voller Honig darstellte, der die Gedanken verklebt und unzugänglich macht. Gefühlt ist es morgens nach dem Aufstehen auch so. Man muss den Kopf erst einmal in Gang bringen. Entweder mit viel Kaffee oder aber mit dieser Methode. Danach fällt es einem deutlich leichter, Ideen zu entwickeln. Und das Schreiben trainiert man auch.

Wichtig sind nur zwei Sachen: Mache es handschriftlich und setze niemals den Stift ab, weil “Dir nichts einfällt”. Schreibe einfach. Auch wenn dabei totaler Müll herauskommt. Es hilft Dir.

Nimm’ Dir fünf bis acht Minuten Zeit und schreibe drauf los. Das tut nicht weh und Du wirst sehen, zu was Du fähig bist. Du kannst auch ohne ein Bild losschreiben und einfach irgendeinen Gedanken aufgreifen, so wie es die Methode ursprünglich vorsieht. Ich habe es die ersten Male auch so gemacht, bis ich merkte, dass es bei mir mit einem Bild noch besser funktioniert.

Und noch eine kleine Anekdote zum Schluss: Beim ersten Mal ohne Bild hatte ich anfangs einen ganz besitmmten Gedanken im Kopf, bei dem ich am Ende rauskommen wollte. Da ging es um meinen Fahrtweg in der Berliner Straßenbahn zum besagten Workshop von Christiane Sohn. Ich stieg aus und da war so eine richtige Ruine von Gebäude. Ich dachte mir ganz trocken: “Ach Mensch, gut, dass mein Hotel ein Haus weiter ist.” Das wollte ich in den kleinen Text einbringen. Als ich dann aber anfing, die Szenerie der Straßenbahnfahrt zu beschreiben, kam ich auf einmal völlig davon ab und beschrieb die Geräusche sowie die Menschen, die ich während der Fahrt wahrgenommen hatte.

Man weiß also am Anfang nie, wo man am Ende rauskommt. Und man kann es auch nicht planen. Genau das ist in meinen Augen das Spannende an der Methode.